Was ist eigentlich mein Gender?

Bevor ich wieder irgendwie das Gefühl bekomme, das Geschreibsel sei längst überholt, veröffentliche ich das mal hier. In der Zwischenzeit gab es übrigens noch eine Situation, wo ich Menschen sehr verwirrt habe, indem ich “Bin ich das?” fragte auf ihre Aussage, ich sei eine Frau. Und da ich das natürlich unbedingt twittern musste, kamen auch Nachfragen dazu. Die Kurzfassung: ich identifiziere mich nicht als Frau, ich identifiziere mich als Mensch, das* als Frau wahrgenommen wird. Ich habe nicht direkt ein Problem damit, aber ich habe das Gefühl, das betrifft mich nicht wirklich. Ich bevorzuge dementsprechend “Mensch” statt “Frau” oder ähnlich. Ihr müsst euch aber keine Sorgen machen, mich zu verletzen, falls ihr mich doch mal als Frau bezeichnet.

Vor ein paar Tagen [inzwischen länger her] zwitscherte ich folgendes:

Funfact: Privilegien vortäuschen zu können, die eins nicht hat(te), ist auch ein Privileg.

Es kotzte mich ein wenig an, von Transmenschen “dieses typische Cismenschenverhalten” vorgeworfen zu bekommen. Während Transmenschen um Anerkennung von Selbstdiagnosen kämpfen, sind die meisten ziemlich schnell damit, alle, die sich nicht als Trans* identifizieren, als Cis zu bezeichnen.

Warum mich das stört?

Weil es euch nichts angeht, ob ich cis oder trans bin! Und weil ich mich mit beidem nicht identifizieren kann.

Es gab eine Zeit in meinem Leben, da identifizierte ich mich mit dem Begriff Trans. Und wenn mir dann vorgeworfen wird, ich hätte 0 Ahnung, wie es ist, trans zu sein, dann finde ich das ziemlich unfair. Nein, ich wurde nicht verprügelt oder bedroht dafür. Aber ich sollte niemandem erzählen müssen, dass ich weiß, wie es ist, auf der öffentlichen Toilette angestarrt zu werden, dass ich meinen Körper hasste oder wie ich vor und nach der Akzeptanz meiner Weiblichkeit Depressionen hatte.

Das geht euch einen Scheißdreck an!

Ich reproduziere euch whatever Genderstereotypen, mit denen ich mich arrangieren kann. Es ist mir einfach ziemlich scheiß egal inzwischen. Ich bin totally okay damit, dass ihr mich als weiblich identifziert. Mit agender oder sonstwas kann ich mich auch nicht besser identifzieren. Genderfluid bin ich auch nicht, bigender vielleicht. Non-binary? Keine Ahnung. “Gender Blumentopf” find ich gar nicht so schlecht. Ich würde mich nicht als trans* bezeichnen, ich kann mich mit dem Begriff nicht mehr identifizieren.

Aber mit einem kann ich mich noch weniger identizieren: cis.

Nachtrag zur Veröffentlichung: Neulich begegnete mir ein Tweet mit “Wenn du überlegst, ob du trans bist, bist du es wahrscheinlich”. Das kann gut sein. Wie gesagt, I don’t care. Ich bewundere viele Transmenschen dafür, dass sie ihren Weg gehen. Ich konnte das nicht. Ich sehe heute nicht mehr den Sinn darin. Ich habe nichts davon, mich als trans* zu bezeichnen. Mir ist bewusst, dass das weder bedeutet, dass ich es bin noch dass ich es nicht bin. Bitte macht euch das auch bewusst.

Auch neulich: Mensch warf mir vor, dass ich zu neutral-Pronomen-Diskussion nichts sagen dürfe, da ich ja nicht non-binary bin. Ich fragte ihn, woher er das wisse. Nicht in der Absicht, ihn anzugreifen, sondern schlicht aus einem Grund: dass ich es selbst nicht weiß. Und wenn ich nicht weiß, wer ich bin, dann finde ich das ziemlich krass, dass das jemand wissen will, der mich kaum kennt. Dieses “du musst dich outen bevor du was sagen darfst” geht mir ziemlich auf den Geist – denn ich habe keinen blassen Schimmer, als was ich mich outen könnte.

Grau

(TW rape)
Die Diskussion um die Graubereiche des Vergewaltigungsparagraphen erinnerte mich an etwas. Außer Frage steht für mich, dass mindestens die aktuelle Rechtssprechung und Auslegung des Paragraphen in Sachen sexuelle und sexualisierte Belästigung zu wünschen übrig lässt, insbesondere was den Aspekt der Wehrhaftigkeit des Opfers angeht.

Ich führte mehrere Diskussionen darüber, ob Zustimmung/Ablehnung nun eher ein Opt-In oder ein Opt-Out sein sollte. Aktuell handelt es sich ja um ein Opt-Out – das Opfer muss sich wehren, ob nun ein verbales “nein” ausreicht, ist Sache der Rechtssprechung. Aber darum geht es mir hier gar nicht. Mir geht es um die Frage, wo der Unterschied zwischen Opt-In – der “Aktive” muss sich versichern, dass der Partner einverstanden ist – und Opt-Out – der “Passive” äußert seine Ablehnung, der andere muss ablassen.

Anlass zu diesem Artikel war unter anderem die Erinnerung an die Aussage eines Freundes, nachdem ich mich über einen gemeinsamen Freund aufregte, da dieser “nur Sex mit mir wollte”. Seine Aussage war, das sei doch legitim. Damals ärgerte mich diese etwas banale Aussage etwas.

Die Aussage stimmt, das ist nicht der Punkt. Es ist völlig legitim, mit jemandem (nur) Sex haben zu wollen. Dennoch:

Wenn du das Recht hast, mit jemandem Sex haben zu wollen, hast du auch die Pflicht, sicherzustellen, dass dieser jemand das auch will, wenn es dazu kommt!

As easy as that? [1]

Ich war in zwei Beziehungen, die an dieser einfachen Aufgabe scheiterten. Meine Partner hielten es für okay, an mir rumzufummeln, während ich – stocksteif wie ein Brett – dalag. Ich hatte daran kein Interesse, keinen Spaß, zeigte keinerlei Reaktion. Ich weiß nicht, wie lange sich das zog, mir kam es endlos vor. Warum ich mich nicht wehrte, “nein” sagte? Das ist schwierig zu erklären. Ich hatte mehrmals einige kleine Versuche unternommen, meinen Körper wegzuziehen. Aber “mir ist ja nichts passiert”. Ich beendete beide Beziehungen wenig später. Es fühlte sich eben nicht richtig an, dass es meinem Partner scheinbar so egal war, wie ich auf seine Berührung reagierte. Vielleicht wollte ich genau diesen Vertrauensbruch provozieren, indem ich mich nicht wehrte.

Würde ich wollen, dass solche sexuellen Handlungen strafbar sind?

Diese Frage ist nicht so einfach zu beantworten. Ja, denn es passierte ohne mein Einverständnis. Nein, ist die Antwort für diese konkrete Situation. Warum? Ganz einfach, weil ich mich für die sexuell erfahrerenere, reifere Person in dieser Situation halte. Weil ich glaube, die Situation einschätzen zu können. Weil ich mir sicher bin, dass ich mich gewehrt hätte, wenn die Situation mich mehr beeinträchtigt hätte als das zerrüttete Vertrauensverhältnis zu diesem Menschen. Weil ich mir dessen absolut bewusst war. Ich war für beide die erste Freundin, beide waren ziemlich ahnungslos. Okay ist das Verhalten dennoch nicht. Denn es hätte auch passieren können bei einer Frau[2], die nicht so erfahren oder selbstsicher ist wie ich.

Das Alter, ob 16, 18 oder 21, reicht nicht aus, um zu sagen, jemand kann in jeder Situation selbstbestimmt über seine Sexualität entscheiden! Solange du nicht in das Gehirn deines Partners hineinsehen kannst, kannst du nicht wissen, ob er nur Sex mit dir hat “weil wir zusammen sind und man das halt so macht”! Und ja, ich will, dass dieses absolut ignorante Verhalten nicht akzeptiert wird! Wir müssen auch Opfer schützen, die es nicht schaffen, sich zu wehren, die es vielleicht nicht einmal (wie ich) schaffen, die Beziehung zu beenden. Das ist primär gesellschaftliche Aufgabe, aber wenn die Gesetzgebung und Rechtssprechung so eine Gesellschaft widerspiegeln, die so etwas akzeptiert, dann ist das widerwärtig.

Und für alle Flachpfeifen, die jetzt noch fragen, wie sie erkennen sollen, falls sie gerade eine Frau[2] vergewaltigen: FRAGT DOCH EINFACH, OB’S IHR GEFÄLLT! Tipp: Wenn die Antwort nicht eindeutig “JA” (nein, ein “hmmpf” ist kein ja) ist, nimm die Flossen weg. Rausfinden, ob sie nur diese eine Praktik nicht mag oder ob sie gar nix mit dir haben will, kannst du danach immer noch. Und alle Nicht-Flachpfeifen lassen es bitte gar nicht erst soweit kommen, dass sie gerade nicht wissen, ob’s ihrem Partner gefällt. Danke.

[1] Kommentar eines Probelesers: “Funfact: ersetze mal Sex haben durch irgendwas anderes. Das klingt irgendwie ziemlich oft nach common sense. Wenn du willst, dass dir jemand Mathe beibringt, soll der jemand dir auch Mathe beibringen wollen.”

[2] oder auch ganz allgemein Mensch. Im Gegensatz zum Eindruck der öffentlichen Diskussion können auch Menschen, die nicht weiblichen Geschlechts sind, Opfer von sexueller Gewalt werden. An den Stellen, an denen ich explizit von Frauen spreche, ist das den Umständen bedingt (z.B. Partner mir bekannter heterosexueller Männer) oder ein indirektes Zitat. Im Allgemeinen verwende ich geschlechtsneutrale Begriffe und möchte euch deshalb darauf aufmerksam machen, dass sich die gesamte Problematik nicht auf Frauen beschränkt.

Jahresrückblick – oder: How I became a feminist

Trotz der geringen Zahl meiner Beiträge (ich habe gerade auch nur noch 2 Drafts, die ich gerade nicht ausarbeiten mag), will ich mal beim Trend mitmachen, einen Jahresrückblick zu schreiben. Was ist mit mir in diesem Jahr passiert?

“Ich finde dein Verhalten sexistisch.” – “Lol. Das ist einer der Gründe warum ich dich nicht ernst nehmen kann.”

Ungefähr das war eine Konversation, die ich vor wenigen Minuten führte. Und ich denke, das beschreibt dieses Jahr ziemlich gut, auch wenn der Anfang dieser Geschichte schon über ein Jahr zurückliegt.

Warum ich dieses Problem mit dieser Person nicht früher ansprach? Dazu gab es ja bereits einen kurzen Blogeintrag, “Nichts sagen”. Und offensichtlich war es ziemlich nutzlos, das doch zu tun.

Ich wollte nie Feminist sein. Und dieses Jahr passierte es dann. Und das Zitat beschreibt recht knapp, wie es dazu kam. Feminismus für obsolet zu erklären, Frauen* zu erklären, dass eins Feminismus nicht ernst nehmen kann, Frauen* zu sagen, es wäre alles Einbildung und Luxusprobleme – genau deshalb brauchen wir Feminismus.

Ich glaube, mehr möchte ich im Moment nicht sagen. Dieses Erlebnis heute beschreibt dieses Jahr einfach zu gut.

Feminismus-Gegner haben eine faszinierende Angewohnheit, Feminismus notwendig zu machen, indem sie die Notwendigkeit bestreiten.

Nerd Pride

Ich denke gerade darüber nach, was eigentlich Nerd Pride ist und woher es kommt.

Insbesondere fällt mir da der Begriff Wertschätzung ein. Und die Frage, wie man sich selbst defininiert.

Normale Menschen definieren ihren (gesellschaftlichen/sozialen) Wert über ihren Charakter. Darüber, wie liebenswürdig sie sind, wie hilfsbereit, wie “gut”. Über ihre Eigenschaften. Nach außen repräsentieren sie das Ergebnis über ihr Selbstbewusstsein.

Nerds haben ja generell eher so ein Problem mit Selbstbewusstsein. Häufig wird das beispielsweise auf Mobbing in der Kindheit zurückgeführt. Aber funktioniert das nicht vielleicht genau anders herum?

Worüber definiert “der Nerd” sich selbst? – Über sein Können. Über seine Fähigkeiten. Das Ergebnis könnte man dann “Könnensbewusstsein” nennen.

Nun kommt noch ein zweiter Faktor zum Tragen: Menschen glauben erst mal anderen Menschen. Wenn ein Mensch ein hohes Selbstbewusstsein hat, glauben die anderen erst einmal, dass das ein toller Mensch ist.

Der Konflikt liegt nun darin, dass der Normalo ein hohes Selbstbewusstsein hat, während er sein Könnensbewusstsein nicht für sonderlich relevant hält im Umgang mit anderen Menschen. Die logische Folgerung aus dem geringen Selbstbewusstsein des Nerds für den Normalo: das ist kein toller Mensch. Die logische Folgerung aus dem Könnensbewusstsein des Normalos für den Nerd: der kann nix. Dass die beiden einander nicht wertschätzen können, ist vorprogrammiert.

Und was ist nun mit der Nerd Pride? Nerd Pride ist genau das, was das Könnensbewusstsein hoch wertet. Das “ich habe es geschafft, obwohl mich niemand leiden konnte”. Und im Endeffekt wieder: der höhere Wert von Können im Gegensatz zu Eigenschaften im sozialen Miteinander.

Und – tada – führt natürlich alles zu dem gleichen Ergebnis: Nerd Pride schließt Menschen aus. Während wir ach-so-inklusiv sein wollen und “jeden armen Menschen den die Gesellschaft nicht mag” aufnehmen wollen, schließen wir Menschen aus – Menschen mit guten sozialen Eigenschaften.

Ich versuche jetzt, das nicht zu werten. Ob die hohe Wertschätzung von Fähigkeiten im Gegensatz zu Eigenschaften für das soziale Leben nicht völlig paradox ist? Die Überlegung lasse ich euch.

Was ich eigentlich damit sagenmöchte: die Nerd Pride ist keineswegs mehr inklusiv als die Gesellschaft, die sie nicht mag. Und: Nerd Pride schließt Nerds aus, die gelernt haben, sich in der normalen Gesellschaft zu bewegen und zu behaupten.

Safe Spaces

Mir liegt gerade am Herzen, zu klären, was ein Safespace ist.

Ein Safespace ist kein Ort, der irgendjemanden von vorne herein ausschließt. Ein Safespace kein Ort, an dem white cis dudes keinen Zutritt haben.

Ein Safespace ist ein Ort, wo es Konsequenzen hat, wenn du scheiße zu anderen bist, und wo das jedem klar ist.

Bitte klärt eure persönlichen Konflikte unter euch, oder mittels Vertrauenspersonen in einem geschützen Rahmen. Nicht [in den Räumlichkeiten und nicht über die Mailingliste], denn so macht ihr eure Konflikte automatisch zu einem Konflikt aller, da es dann [alle Mitglieder] (be)trifft. Die [Räume] sind ein Schutzraum _für alle_ und nicht nur für einige wenige.

Das ist kein Safespace.

Und nein, das ist auch kein Schutzraum für alle!

Ein Ort, an dem Leute bitte zuhause bleiben sollen, bis sie ihre Konflikte geklärt haben, ist kein Safespace. Ein Ort, an dem ein Opfer von Mobbing das Problem selbst lösen muss oder zuhause bleiben soll, ist kein Safespace.

Die Grundannahme, dass es nicht so schon “alle” betrifft, ist grundsätzlich falsch. Sobald ein Mitglied die Räumlichkeiten verlässt, wenn ein anderes auftaucht, aus Angst, betrifft es den Verein. Nicht jedes einzelnes Mitglied, aber den Verein als Gesamtes. Es ist Aufgabe des Vereins, diesen Schutzraum herzustellen. Es ist nicht Aufgabe des Opfers, sich zu verpissen.

Die Aufforderung des Zitats ist offensichtlich: Irgendwer muss gehen. Wer, ist mir egal, Hauptsache, es ist Ruhe. Wenn das der Schwächere ist? Wen interessiert’s. Achja, und hör auf zu heulen, dein Geweine nervt.

Das ist nicht der Schutzraum für alle. Du beanspruchst diesen Schutzraum für dich. Du schließt mich aus, weil ich schwächer bin, zu schwach.

Das ist kein Safespace.

Und was ist nun ein Safespace? In einem Safespace kümmert sich der Verein um dieses Problem. In einem Safespace versucht der Verein, den Konflikt zu schlichten, damit wirklich alle einen Schutzraum haben, oder schließt notfalls einen oder mehrere Beteiligte in einem ordentlichen Verfahren aus.

Achja, und an den white cis dude, der mir vorwarf, ihn ausschließen zu wollen: #*!$ dich. Ja, Leute die so BS reden, die will ich wirklich ausschließen. Denn wer nicht grundsätzlich bereit ist, einzusehen, dass er in der Lage ist, Fehler zu begehen, der hat in meinem Umfeld wirklich nichts verloren. Denn Fehler können alle Menschen begehen, egal ob white cis dude oder nicht.

Ist das nicht überall so?

Gerne heißt es über die Hackerkultur, dass Sexismus dort weniger ein Problem ist. Dass es mehr Awareness gibt. Dass es “draußen” noch viel schlimmer ist…

Erstmal: LOL dat argument? Dass es anderswo schlechter aussieht, ist kein Grund zu sagen “bei uns ist alles okay”. Aber ich habe mir mal Gedanken gemacht. Gibt es in einem Standardbüro wohl mehr oder weniger Sexismus? Und ganz entscheidend: wie wird das empfunden von den Beteiligten?

Um’s vorrauszusagen, ich bin da völlig Außenstehender. Ich habe nie in einem Nicht-IT-Büro gearbeitet. Aber ich habe ein paar Vermutungen.

Feindliche Äußerungen werden als weniger feindlich wahrgenommen, wenn sie sich nicht gegen eine Minderheit richten.

Beispiel: In einem Büro arbeiten gleich viele Frauen wie Männer. Einer der Männer sagt nun, ganz dem Klischee gemäß: “Die Mädels brauchen immer so lange auf dem Klo.” Das trifft sicher nicht auf alle Frauen in diesem Büro zu, aber auch die, auf die es nicht zutrifft, wird es weniger stören. Das liegt zum einen daran, dass sie sagen können, “Er meint damit einige, aber nicht alle von uns, die Aussage ist generischer gesagt als gemeint.” und zum anderen daran, dass sie keine Vorurteile über eine Gruppe zur Charakterisierung einer Minderheit verwendet. Gefühlt wird damit nämlich nicht ausgeschlossen, dass auch Menschen, die nicht dieser Gruppe angehören, diese Eigenschaft besitzen können. Je mehr es sich bei der Gruppe jedoch um eine (gefühlte) Minderheit handelt, desto mehr entsteht der Eindruck, dass es sich um eine explizite Charakterisierung handelt.

Dieses Phänomen kann man zum Beispiel auch beim Thema Religion betrachten. Muslime werden in Deutschland als Minderheit angesehen, daher ist Bashing auf diese Religion außer in gewissen Kreisen tabu. Dem Christentum wird jedoch eine Monopolstellung zugesprochen, daher ist Kritik am Christentum weiter akzeptiert. Eigentlich ist das ja eine gute Idee – auf Minderheiten haut man nicht drauf… Auf der anderen Seite führt es dazu, dass bestimmte Feindlichkeiten weniger wahrgenommen werden, da sie sich nicht gegen Minderheiten richten, und zwar von beiden beteiligten Seiten.

So gut wie jede Frau, die an einer männlich dominierten Runde abends an der Bar teilgenommen hat, kennt sie: die Kurz-vor-Mitternacht-schmutzige-Witze-Phase. [...] Die Herausforderung ist, dies [sich zu wehren] auch zu tun, wenn die Bemerkung vermeintlich harmlos war und von vielen Zeugen nicht als Belästigung aufgefasst wurde. [...]  Richtig herausfordernd wird es, wenn andere Frauen Zeuginnen der Situation sind und den entsprechenden Witz nicht als Beleidigung auffassen. [1]

Und die oft gefragte Frage, ob man(n) denn nun keine Komplimente mehr machen dürfe? Die Antwort ist eigentlich sehr banal: Wenn du wirklich ein Kompliment machen willst, dann geht es darum, dass dein Gegenüber das als Kompliment empfindet, nicht um das was du sagst. Wenn dein Gegenüber deine Aussage als Beleidigung empfindet, dann hast du kein Kompliment gemacht. So einfach. Wenn dir das egal ist, weil du darauf bestehst, dass deine Aussage ein Kompliment war, dann war es nicht dein Ziel, ein Kompliment zu machen. Dann wäre es nicht mal ein Kompliment gewesen, wenn dein Gegenüber es so empfunden hätte.

Zu meiner Ausgangsfrage zurück: Ja, vermutlich ist das fast überall so. Aber in einem Ausschnitt der Gesellschaft, in dem Frauen eine Minderheit darstellen, ist Sexismus noch gefährlicher und giftiger.

[1] http://www.zeit.de/karriere/beruf/2013-01/sexuelle-belaestigung-herrenwitze

Nichts sagen

Als Reaktion zu einem Kommentar.

Und irgendwann werde ich ihm sagen
Dich nervt etwas, aber Du sagst nichts. Warum nicht? Worauf wartest Du? Tue es oder wenn Du es loslassen kannst, vergesse es.

Sexismus ist ein Vorwurf! Diskrimierung ist ein Vorwurf!

Es ist leicht nirgends Sexismus zu sehen. Genauso leicht wie überall Sexismus zu sehen. Abzuwägen, hinter welchen Abneigungen, Bemerkungen und Kritiken Sexismus – und keine persönliche Abneigung – steckt, ist schwer. Deshalb bin ich vorsichtig damit, konkreten Menschen vorzuwerfen, dass sie mich durch Sexismus motiviert diskriminieren.

Und manchmal ist nichts sagen auch besser, um den Frieden zu wahren. Wenn mich diese Person noch schlechter behandelt, weil ich ihr den mutmaßlichen Grund dafür vor Augen halte, habe ich nichts gewonnen.

Meine Hemmschwelle, Menschen Sexismus vorzuwerfen ist doch eher groß, solange ich mir dessen nicht ausreichend sicher bin.

Vielleicht kann er mich ja einfach nur persönlich nicht leiden.

Bei manch anderen Menschen kam mir dieser Gedanke so oft, dass er absurd wurde.

Wettbewerb unter Nerds?

In meinem 1. Semester erzählte meine Mutter, dass sie sich total darüber freut, wie ich meine Arbeiten mit Freunden erledige. Eine Bekannte hatte ihr erzählt, dass ihre Tochter in ihrem Studium nur mit Konkurrenz unter den Studis zu kämpfen hatte.

Sind wir da besser dran?

Definitiv. Wir müssen keine Angst haben, dass uns ein Kommilitone den Job wegschnappt. Selbst wenn er bessere Noten hat, wir sind so gesucht, wir finden alle etwas, das auch noch gut bezahlt ist. Und wenn es uns dort nicht gefällt? Dann bewerben wir uns woanders. Vakante Stellen gibt es genug.

Fachkräftemangel heißt das. Klingt furchtbar. Ist aber nur zu unserem Besten.

Am ersten Tag in der Uni sah mein Stundenplan so leer aus. Wer 6 bis 11 Stunden Schule gewöhnt ist, denkt beim ersten Anblick, Studis hätten wirklich so viel Freizeit. Das ist natürlich nur die halbe Wahrheit. Wer über die Vorlesungen hinaus nichts tut, ist ratzfatz weg. Meistens sogar von selber. Vier Tage die Woche acht Stunden am Tag Übungsblätter. Das war so mein Arbeitspensum. Dass Vorlesungen für mich weniger brachten als Schlaf, hatte ich relativ schnell raus. Zwei der Blätter waren machbar, bei zweien hatte ich absolut null Ahnung.

Wie hält man das aus? Ich glaube ich habe in diesen zwei Fächern nicht ein einziges Blatt alleine gelöst. Meine Gruppe wechselte, insgesamt habe ich sicher mit 20 oder 30 Menschen direkt oder indirekt zusammengearbeitet. Um 22 Uhr kam manchmal jemand mit Lösungen in den Poolraum, und der für vier Personen ausgelegt, mit etwa 15 Personen befüllt Raum, schrie vor Freude auf.

Gemeinschaft.

Das war etwas, was mich von Anfang meines Studiums begeisterte. Dass wir zusammenhielten, mal Schwächere mitzogen, mal alle zusammen verzweifelt über die Dozenten und Übungsleiter herzogen.

Wir können uns das leisten.

Das wurde mir bei dem Gespräch mit meiner Mutter bewusst. Wir hatten keine Angst, dass der Kommilitone, dem wir halfen, eine Konkurrenz für uns sein würde.

Gibt es trotzdem Wettbewerb unter Nerds?

Ich denke, ja. Und das hat völlig andere Ursachen. Mir fallen da gerade zwei ein.

Nerds machen ihr Hobby zum Beruf. Das bedeutet, dass sie auch im Privatleben über Dinge reden, die direkt oder indirekt mit ihrem Beruf zu tun haben. Wer in so einem technischen Gespräch nicht über das notwendige Know-How zu “Mithalten” verfügt, kann schnell gar nicht mehr mitreden und wird ausgeschlossen. Und das im Privatleben.

Nerds haben, umgangssprachlich gesagt, “Inselbegabungen”. Da endet eins schnell mal daran, sich anzuhören, dass man Dinge nicht kann – insbesondere Sozialverhalten, Überleben im Alltag ohne Mami und ähnliches. Auch verfügen viele Nerds über wenig Selbstbewusstsein. Wer dann so etwas erlebt, läuft schnell Gefahr, sich über seine (technischen, “nerdigen”) Fähigkeiten zu definieren. Und dann wertet eins irgendwann Menschen ab, die exakt diese Fähigkeiten weniger gut beherrschen…

Ich habe keine Ahnung, ob das in anderen Berufs-/Menschengebieten auch passiert. Vermutlich sind Nerds dafür aus diesen Gründen einfach besonders anfällig.

Das schlimme daran ist, dass der Wettbewerb sich vom Berufs- ins Privatleben verlagert.

Ich kann mich da selbst natürlich auch nicht ausschließen. Allerdings definiere ich mich wohl eher über meine Fähigkeit, nerdig zu socialisen…

Nachtrag zu “Frauen im Film”

Ich habe nach meinem Post neulich noch einmal etwas recherchiert und dabei 2 Quellen gefunden: [1] [2]

Laut Quelle 1  ”in 1970, only two percent of all police were women but, by 1991, nine percent of police were women”.  ”Today [1996], in the New York Police Department, 15% of all uniformed officers in the department are women”.

Auffällig ist laut diesem Bericht übrigens, dass die Frauenquote in niedrigeren Positionen höher ist – also genau die Positionen, die körperlich anspruchsvoll sind und daher als “weniger frauengeeignet” gelten könnten.

Beim FBI gab es 2008 eine Frauenquote von 19%. Wenn die Aussage von oben gilt, ist die realistische Frauenquote in den betrachteten Teams also etwas höher.

Bei NCIS betrug die Frauenquote 38 bzw. 25%. Allerdings ist Abby Forensikerin, kein Agent im Außendienst. Bei Numb3rs ist im vierköpfigen Team eine Frau, also 25%. In Castle ist Beckett die einzige Frau im Team, zu dem allerdings auch nur zwei männliche Detectives gehören. Brendas Team in The Closer besteht aus vier Männern und einer Frau, also eine Frauenquote von 1/3.

Man kann die Serien also durchaus als realistisch bezeichnen. Vielleicht kann man sogar so weit gehen, sie als frauenfördernd zu bezeichnen. Bei mir erweckt es jedoch eher den Eindruck, dass die Rolle “Frau” für das Team im TV obligatorisch ist wie der Nerd, der Macho oder der Ausgeflippte.

Mobbing und Gewalt

Wenn eine 12-Jährige einem 15-Jährigen, der sie beleidigt hat, eine Ohrfeige gibt, dann macht das Eindruck.

Ein kurzer nicht mehr kurzer Beitrag zu Mobbing und Gewalt. Irgendwann Bei Bedarf werde ich das noch mal länger aufgreifen.

Disclaimer: Der Text kann ein Trigger sein, bitte achtet auf euch. Außerdem habe ich selbst sehr sehr wenig persönliche Erfahrung mit körperlicher Gewalt gemacht. Daher könnte meine Ansicht von der von Menschen abweichen, die selbst körperliche Gewalt erlebt haben.

Was ist Gewalt?

Es ist wichtig, zwei Arten von Gewalt zu unterscheiden und zu erkennen: körperliche und psychische. Sie können gemeinsam oder einzeln auftreten.

Was ist das Gefährliche an psychischer Gewalt?

Psychische Gewalt lässt Menschen an sich selbst zweifeln. Sie kann langfristig das Selbstbewusstsein schädigen und auch andere psychische Erkrankungen hervorrufen. Psychische Gewalt ist häufig schwierig zu erkennen. Sie beinhaltet Sticheleien, Drohungen bis hin zu Methoden wie Gaslighting.

Was ist das Gefährliche an körperlicher Gewalt?

Nun, offensichtlich körperliche Schäden. Aber die meisten Wunden heilen. Aber: körperliche Gewalt hat meist auch eine psychische Komponente. Nämlich immer dann, wenn ein Machtgefälle zwischen den Beteiligten existiert. An eine Schulhofschlägerei, bei der beide mit einem blauen Auge herausgehen, erinnert sich Jahre später niemand mehr. Aber häufig ist die körperliche Gewalt nur eine Komponente, um das (psychische) Machtgefälle zu verdeutlichen.

Beides ist echte Gewalt.

Und leider werden aus Opfern oft Täter gemacht. Denn körperliche Gewalt ist sichtbar. Wer sich mit körperlicher Gewalt gegen psychische Gewalt wehrt, sieht von außen aus wie der Täter.

Was Mobbing ist, ist schwer zu sagen. Mobbing bezeichnet wohl die meisten Arten von Gewalt, bei denen ein Machtgefälle existiert (unabhängig von dessen Legitimation).

Laut Wikipedia ist Mobbing im engeren Sinne “Psychoterror am Arbeitsplatz mit dem Ziel, Betroffene aus dem Betrieb hinauszuekeln”, aber natürlich kann es auch in anderen sozialen Gruppen auftreten. Mobbing kann von einem oder einer Gruppe ausgeübt werden und richtet sich meist gegen Einzelne/kleine Gruppen. Die Definition der Wikipedia nach Christoph Seydl beinhaltet “Ungleiche Machtverhältnisse” und ein daraus entstandenes “Opfer”.

Wenn sich also eine Person, die in einem Machtgefälle die unterlegene Person ist, mit körperlicher Gewalt gegen die überlegene Person wendet, dann kann das ein Versuch sein, sich gegen erfahrene psychische Gewalt zu wehren.

Das ist sicherlich nicht gut. Aber bitte seid euch dessen bewusst, und macht Opfer nicht zu Tätern. Denn Opfer bleiben Opfer des Machtgefälles, selbst wenn sie tätlich werden!